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Lebenswelt am 20.12.2016, 11:48 Uhr (Zwote Dekade)

Unser täglich Brot

Wenn zu Weihnachten vegane Powerfood-Kekse mit Uromas Schmalzgebäck um die Gunst der Gaumen wetteifern und an gewissen Abenden selbst die Engel Plätzchen zu backen scheinen, vergessen wir gern die Mutter aller Backwaren.

von Marc Hieronimus / Kommentare Kommentare (0)

Photo: Michael Helming

(Photo: Michael Helming)


° Die Bäckereien sind fast ausgestorben, auch die Ketten verschwinden. Von der Industrie belieferte „Backshops“ treten an ihre Stelle und graben, indem sie obendrein ein paar Heißgetränke bieten, gleich noch den letzten Cafés das Wasser ab – des einen Brot, des anderen Tod. Der Kauf dort oder im Supermarkt ist rational und ist es nicht. Kurz gedacht ist der im Discount gesparte Euro anderswo immer sinnvoller ausgegeben. Auf längere Sicht beklagt auch der zum „Verbraucher“ (selbst)erniedrigte Mensch den Niedergang des Handwerks, der Städte, des Sozialen im Rummel des Konsums.


° Auch die Brotbackmaschine ist ein Zeichen der Zeit. Anders als bei der Kuchenmischung darf der Bediener nicht einmal ein paar Eier zerschlagen und sich derart der Illusion hingeben, er trage aktiv zum Zustandekommen des Endproduktes bei: Hier wirft er nur Flüssig und Trocken zusammen und drückt auf den Startknopf. Das „Brot“, das er nach zwei denkbar unspektakulären Stunden aus der Backschale puhlt, schmeckt schlechter, ist unansehnlicher und unterm Strich kaum billiger als jedes aus der Industriebäckerei. Aber es fühlt sich an wie seiner eigenen Hände Werk.


° Das eigene Brot backen: Als tue man etwas Heiliges, erde sich, knüpfe wieder an die Tradition, die Ahnen, die Herkunft an. Als gewinne man Autonomie. Alte Landhäuser haben vereinzelt noch zugemauerte Brotöfen und – wer weiß?! – vielleicht hinten raus gar einen Hektar Land für die wesentliche Zutat Getreide. Aber wer betreibt noch Subsistenzwirtschaft, kann wirklich von seiner Scholle leben? Und gibt es in ganz Deutschland noch eine Mühle, die von Wind oder Wasser angetrieben und gemeinschaftlich genutzt wird?


° Bei einer ernsten Energie-, dann Lebensmittelkrise wäre die gesamte Gesellschaft des Landes von Hunger bedroht. Wenn es knallt, knallt es richtig. Den „rückständigen“ Regionen der Kontinente aber wird es an kaum etwas mangeln. Wir machen uns nicht klar, wie weit fort uns der Fortschritt trägt: Fort von der Selbständigkeit, fort von uns selbst.


° Eine berühmte Anekdote aus Rousseaus Bekenntnissen: Als die darbenden französischen Bauern mal wieder in Aufruhr waren, fragte eine Prinzessin nach dem Grunde. „Sie haben kein Brot“. Ihre Antwort: „Qu’ils mangent de la brioche“, dann sollen sie eben Blatz essen. Vielleicht ist die Geschichte nur sehr gut erfunden, aber „auch Clio dichtet“ (H. White): Alle Geschichte ist Fiktion, und/aber manche Fiktion kommt der Historie näher als jedes Quellenstudium.


° Der Brot- bzw. Getreidepreis ist neben dem Lohn der wichtigste Index für buchstäblich alle Preisangaben in der Geschichte. Der „Warenkorb“, der heute der Berechnung der Preis- bzw. Kaufkraftveränderung dient, ist trotz seiner regelmäßigen Anpassung weit weniger aussagekräftig.


° Bei uns hat auch der Ärmste noch Benzin und Unterhaltungselektronik im Korb, und es ist praktisch unmöglich, in Deutschland zu verhungern. Man macht sich auch die Perversion nicht mehr klar, die es bedeutet, dass es überhaupt „Abnehmprodukte“ gibt.


° In der Not schmeckt die Wurst auch ohne Brot. Brot für die Welt und Kuchen für mich. Brot für die Welt, aber die Wurst bleibt hier. Weit mehr als die alten Spruchweisheiten spiegeln ihre Verballhornungen den Geist einer Gesellschaft wider.


° Hunderte uralte Brotopferriten haben sich mit christlichen Bräuchen vermengt und bis zur Industrialisierung erhalten. Bis heute schenkt man Brot und Salz zum Einzug und glaubt, sie stehen für „das Notwendige und die Würze“; früher schützten sie je nach Region vor Drachen, Hexen, bösen Hunden oder Krankheit. Auch die widerlichen Kirmesherzen aus Pfefferkuchenteig haben in den Liebes(zauber)broten dereinst sehr ernst gemeinte Vorbilder. Bedenkt man, wie effizient die Kirche heidnische Bräuche integriert und uminterpretiert hat, möchte man auch hinter dem zu St. Martin oder Nikolaus gebackenen Golem namens „Weckmann“ oder „Stutenkerl“ weit mehr vermuten als einen Weißbrotbischof mit nachträglich zur Pfeife säkularisiertem Bischofsstab.


° Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass die „Kornkreise“ immer nur in Getreidefeldern auftauchen. Raps oder Mais sind nicht Magie-kompatibel.


° Moses ließ Brot vom Himmel regnen: „Das Haus Israel nannte das Brot Manna. Es war weiß wie Koriandersamen und schmeckte wie Honigkuchen“ (Ex 16,31). Jesus hat mit fünf herkömmlichen Broten (und zwei auch nicht gerade walgroßen Fischen) Fünftausend gespeist und die Reste füllten zwölf Körbe (Mk 6; Mt 14; Lk 9; Joh 6). Beide Wunder sind integraler Bestandteil des jüdischen bzw. christlichen Glaubens.


° In der Eucharistie (dem kirchlichen Abendmahl) kommt es zur sogenannten Transsubstantiation: Wein wird zu Blut und Brot (bzw. eine Hostie) zu Fleisch. Der Laib wird wirklich zum Leib Christi, so wie er es damals gesagt hat: „Nehmt, das ist mein Leib“ (Mt 26,26; Lk 22,19; Kor 11,23), und „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch“ (Joh 6,51). Allerdings behalten sie ihre äußere Form – wenn es das Ganze nicht metaphorisch gemeint war und/oder falsch übersetzt wurde, wie so vieles im Christentum.


° Fallengelassenes Brot soll man küssen, kein Brot wegschmeißen. Jetzt erziehen uns die Systemverteidiger zum sparsamen Lebensmittelverbrauch: Das Mindesthaltbarkeits- ist kein Verfallsdatum, bitte nichts wegwerfen! Tatsächlich landet fast die Hälfte des Essbaren auf dem Müll bevor wir es kaufen oder überhaupt nur kaufen könnten.


° Brot für die Welt, Brot statt Böller, gegen Lebensmittelverschwendung, es reicht für alle, sagen die Werbewände, und die Mutter: „Die armen Kinder in Afrika müssen hungern und du schmeißt meine Pausenbrote weg!“ Der Einzelne entwickelt Schuldgefühle für alles Elend in der Welt, auch wenn er es nie gewählt hat und nie wählen würde.


° Woher aber kommt der Hunger? Landraub, Getreidespekulation, Klimawandel, „Öffnung der Märkte“ für subventionierte Produkte unserer industriellen Landwirtschaft, weltbankgestützte „Strukturreformen“, Saatgutpatentierung, Kriege mit unseren Waffen um Rohstoffe für unsere Industrien und, und, und. Wir sind schuldig, weil wir gefahrlos gegen all das kämpfen könnten. Dagegensein reicht nicht.

[...]


Lichtwolf Nr. 56

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Stichworte: Gebäck, Brot, Powerfood, Gesundheit, Décroissance, Bibel, Zivilisation, Lebenswelt

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Dieser Artikel ist die gekürzte Vorschau des Beitrags "Unser täglich Brot" aus

Lichtwolf Nr. 56 (4/2016), Dezember 2016

Titelthema: Gebäck

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112 winterlich gemütliche Seiten übers Gebäck, allen voran das Brot, sowie Bier, Kekse, Torten, Postfaktizität, Spinnen und Sokrates im Krieg.


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