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Philosophistik & Misosophie am 26.09.2012, 21:48 Uhr (Zwote Dekade)

Jenseits des Menschen

Unbewegt vom Untergange, fühllos wo die Menschheit duldet, wird dem Bürgersinn nur bange nach den Mächten, die's verschuldet. - Karl Kraus, Die Fackel Nr. 595, Juli 1922, S. 127

von Timotheus Schneidegger / Kommentare Kommentare (0)

der Begriff „Menschheit“ ist die Bedingung der Möglichkeit der Enttäuschung, die jeder Mensch darstellt. Der Begriff „die Menschen“ ist dagegen irgendwo zwischen Ideenhimmel und verseuchtem Planeten angesiedelt, für dessen Zustand wie auch für die Klage darüber „der Mensch“ verantwortlich ist. Da es Schöneres gibt, sucht er Zuflucht in Hinterwelten jenseits des Menschen.

DNS-HelixForluvoft / Leyo: Simple diagram of double-stranded DNA (Wikipedia, PD)

Er erkennt sich gerne in seinen Werken wieder. Mit der Emanation wuchs die Zahl der Zeuge in seinen Händen und in seiner Gedankenwelt. Ende des 20. Jahrhunderts kam es in Mode, sich das Gedächtnis als Festplatte vorzustellen, auf der gespeichert und gelöscht werden kann, bis die Garantie abläuft. Derzeit wird dieses Bild von seinem neurophilosophischen Nachfolger abgelöst, den sich der Mensch nicht weniger nach Maß seiner Artefakte modelliert. Demnach ist das Gehirn eher wie eine Art Internet, dessen Inhalte nach Googles Pagerank gewichtet in der Trefferliste zu finden sind. In einem Jahrhundert wird es als Kuriosität gelten, wie ganz normale Menschen um die Jahrtausendwende in Burn-out-Kliniken und Wellnesshotels „ihren Akku aufladen“.

Stets war es das modernste Artefakt seiner Zeit, das dem Menschen das Selbstbild formte. Vor dem Computer der Ottomotor, davor war die Urmel eine Art sprechende Glühbirne, davor sah der Mensch in sich selbst ein mechanisches Uhrwerk. René Descartes hielt seinen Traktat „Über den Menschen“ zu Lebzeiten noch zurück, um nicht ein ähnliches Schicksal zu erleiden wie sein zum Zeitpunkt des Verfassens in inquisitorische Händel verwickelter Kumpel Galilei. Auf seine anatomische Forschung gestützt, entlarvte Descartes den Menschen (bzw. dessen res extensa wie auch „plusieurs animaux sans raison“) als hydraulische Maschine, deren Säfte vom stetig lodernden Ofen des Herzens vorangepumpt werden und deren Sprachfähigkeit wie eine Kirchenorgel funktioniert. Da die Funktionen der res cogitans von den Mechanismen der res extensa zu Lebzeiten ermöglicht und begrenzt werden, ist die Bildung des Menschen keine pädagogische, sondern eine kybernetische Frage. Der französische Arzt Julien Offray de La Mettrie schrieb 1747 die materialistische Betriebsanleitung in „L’homme machine“ fort. Er starb 1751 an Lebensmittelvergiftung, nachdem er sich bei einem Festmahl zu seinen Ehren überfressen hatte. Auch wenn La Mettrie wegen seiner Krawallethik unter Aufklärern geächtet war, so blieb doch der Mensch eine Maschine wie jede andere. Der Machbarkeitsgedanke, dem er damit unterlag, befeuerte die Seuchenausrotter ebenso wie die Kosmetiker und Militärs, die ein ewig junges Menschengeschlecht erträumten, das mit einer handvoll Erbsen pro Tag 100 Kilometer marschieren und im Biwak Sonette schreiben kann.


„Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muss / soll“, musste sich Nietzsches Zarathustra nicht nur auf dem totalitären Gipfel der Humaningenieure mit Blick auf das Mängelwesen zitieren lassen, an dem es immer etwas zu tun gibt. Von seinem Bedürnis nach Selbstoptimierung, deren Beschränkung ebenso problematisch ist wie deren Forcierung, künden die Umsätze der Pharma- und Body-Branche, die Inflation der Ratgeberliteratur und nicht zuletzt Begriffe wie „Flexibilität“ und „Effizienz“ der „Human Resources“, deren „persönliche Entwicklungsfelder“ mit „Lernerfolgen“ „aufgewertet“ werden müssen. Womöglich hätte Darwin es seinem Zeitgenossen Nobel in tätiger Reue gleichgetan, wäre für ihn abzusehen gewesen, wie sehr heute alles und jeder für irgendwas „fit“ „gemacht“ werden muss. Denn was Paul Valéry über das Kunstwerk schrieb, dessen physischer Teil sich wie Raum und Zeit nicht länger den Einwirkungen der modernen Wissenschaft und der modernen Praxis wird entziehen können, gilt ebenso für den Menschen.

Der Mensch ist Mensch, weil er den Menschen zu überwinden trachten; seine Selbstwahrnehmung als „unvollkommen“ ist Ausdruck einer perfektionistischen Neurose, die auch mit Unsterblichkeit und Omnipotenz nur zu verstärken, nicht zu kurieren wäre. Immer stellt „der Mensch“ die Begrenzung des Menschen dar, sei es durch den Nächsten, die Last der sterblichen Hülle, Naturgesetze oder Gewissen. Massenvernichtungswaffen, Gentechnik, Raumfahrt und Menschenversuche sind allesamt Ausdruck eines selbsttranszendierenden Strebens, dessen Artefakte stets die Wiederkehr der Zauberei im Gewand der Technologie bedeuten. Für Descartes wäre der Mensch des 20. Jahrhunderts kaum Artgenosse, eher ein Maschinengott, der Licht und Raum beherrscht, Energie aus der Wand holen und mit Abwesenden sprechen kann. Sci-Fi-Autoren setzen ihre Zeitgenossen diesem Erschauern vor den Überwindern ihresgleichen zum Sagen- und Titanenhaften aus, wenn in ihren Geschichten Naniten im Hirn Telepathie und spontane Wundheilung ermöglichen, Künstliche Intelligenzen die Zukunft vorausberechnen und Millionen mit einer gottartigen Wischbewegung auf einem Stück Glas tatsächlich ausgewischt werden.

Die technische Überwindung des Menschen, der sich immer als behindert im Wortsinne begreift, treibt dabei seltsame Blüten. Kaltblütig konstruierte Artefakte wachsen ihren Betreibern ans Herz. Als Anhängsel seiner Maschinen bringt der Mensch die Sentimentalität in die Bindung ein. Vom Auto bis zum Handy gibt es nichts, was nicht benamst und libidinös besetzt wird. Als Erweiterungen des Menschen werden sie unmerklich zu einem Teil von ihm, sodass mancher, dem man das Smartphone wegnimmt, einen Phantomschmerz wie ein Amputierter verspürt.

Eben von da, der tatsächlichen Behinderung, gehen die stärksten transhumanistischen Impulse aus. Neil Harbisson, farbenblinder Gründer der Cyborg Foundation, ist so begeistert von dem Gerät, das ihm Farben in Töne übersetzt, dass er es in seinen Pass aufnehmen ließ. Demnächst will er es sich in den Schädel implantieren lassen und auch Menschen mit fünf intakten Sinnen technisch in die Lage versetzen, elektrische Felder oder Ultraschall wahrzunehmen. Ähnlich ambitioniert ist die Biohacking-Bewegung, von der die ZEIT jüngst berichtete und die auf www.Biohack.me dafür wirbt, den menschlichen Körper mit Magneten und Infrarotsensoren upzugraden: „Es wird seltsam und ungemütlich und angsteinflößend werden. Aber entweder machst du mit, oder du könntest bald als veraltet gelten.“ (1)

Es sind jedoch nicht nur die menschlichen Körper, deren Grenzen mithilfe von Artefakten und Technologie überwunden werden. Valéry sah bereits Raum und Zeit der modernen Wissenschaft und der modernen Praxis unterworfen; ein Jahrhundert später aktualisiert Roland Benedikter das alte Höher, Schneller, Weiter ins Internetzeitalter, wo alles und jeder immer überall gleichzeitig ist. In dieser „humanpenetrativen Mobilität“ verschmelzen Technologie und Bewusstsein zur Omnipräsenz der Transhumanisten und des Avatar- wie Drohnenwesens. Humanpenetrativ ist diese Mobilität, weil sie auch den Menschen zu etwas Anderem macht. En passant belebt sie den cartesischen Leib-Seele-Dualismus wieder, etwa wenn die sterbliche Hülle auf dem Sofa verfettet, während der Geist Orte besucht, deren Luft er niemals atmen wird, und sich im Gebrauch von Gegenständen übt, die er nie in den eigenen Händen halten wird. Dem Skeptiker mag dies wie maschinengestütztes luzides Träumen (oder – abermals – die Rückkehr des Schamanismus im Gewand der Technologie) erscheinen. Doch in seiner Zielrichtung zeigt der Transhumanismus ebenso sein philosophisches Erbe wie in seinem Antrieb: Es ist die schopenhauersche Verachtung des Leiblichen als Leidendes und die komplementäre Idealisierung von Wille und Vorstellung zu demiurgischen Kräften, deren Macht mit jeder neuen Generation von Turing-Maschinen wächst.


Im Sommer ging es im Magazin „Philosophy Now“ um Human Enhancement als dringendste Fragestellung der Ethik, denn Nano-, Neuro-, Gen- und Biotechnik im Menschenkörper werden auf Herzschrittmacher, Impfungen und Organtransplantation folgen, wie diese auf Prothesen und Brillen folgten.

Julian Savulescu and Ingmar Persson machen in dem Heft die bemerkenswerte Argumentation auf, nur die künstliche Moralverbesserung könne die Ethik noch an den ihr exponentiell davongaloppierenden technologischen Fortschritt (deren Kluft auch Francis Fukuyamas Hauptargument gegen den Transhumanismus ist) aufschließen lassen. Angesichts der drohenden Klimakatastrophe ist das Gebot der Stunde klar, nur wollen sich weder Industrienationen noch Schwellen- noch Entwicklungsländer einschränken. Sie rechtfertigen sich jeweils mit Gründen, die einer kurzatmigen Moral gewichtiger erscheinen als die keinen Gewinn versprechende Rücksicht aufs gemeinsame Schicksal. Dieses liegt in ferner Zukunft und abstrakten Computermodellen und betrifft scheinbar nur Menschen, die kaum – bei den Tieren: gar keine Ähnlichkeit mit uns freien, weißen Männern haben. Die notwendige Veränderung von Lebensstil und Verhalten wäre nur staatlich durchzusetzen, allerdings wollen Politiker ihre Wahlen jetzt gewinnen und nicht erst in drei, vier Generationen. Die moralische und psychologische Beschränktheit, das Richtige zu tun, wollen Savulescu und Persson mit „Moral Bio-Enhancement“ überwinden, „to directly affect the biological or physiological bases of human motivation, either through drugs, or through genetic selection or engineering, or by using external devices that affect the brain or the learning process.“ (2) Denn uns bleibt nicht mehr die Zeit, um zu warten, bis die Menschheit sich überwindet, im notwendigen Maß „ihr Leben zu ändern“, wie Sloterdijk es von jedem Einzelnen fordert.


Auf den Post- und Transhumanisten wartet jenseits des Menschen immer nur er selbst. Radikal jenseits des Menschen zu gehen hieße Tiefseetauchen und Weltraumexploration. Alan Weisman erforscht in seinem großartigen Buch „Die Welt ohne uns“, wie lange es dauern würde, bis sich die Erde von unseren Machen- und Hinterlassenschaften erholt hätte, verschwände der Mensch von einem Moment zum Nächsten. Die Serie „After Man: A Zoology of the Future“ schaut, was Mutter Natur so alles an die Stelle des Menschen hinmendeln würde, pfuschte der ihr nicht mehr ins Handwerk. In der Philosophie versuchte sich Ulrich Horstmann am anthropofugalen Denken, das dann doch an den gebunden bleibt, dem es zu entfliehen sucht. Andernorts sehen wir die Realisten mit den Nominalisten weiter zanken und müssen uns fragen, ob und wo die Nachkommastellen von Pi enden und wie unwahrscheinlich schon die Ziffern in den Theorien sind, mit denen wir das davon unbeeindruckte Universum vermessen.

Am Ende ist es wieder Descartes, der in seinen Meditationes am weitesten jenseits des Menschen denkt: In eine res cogitans, der ein böser Geist die sinnliche Welt (inkl. der Menschen) bloß vortäuscht, und die mit sich, dem Zweifel und den Zahlen alleine ist. Doch auch ein so großer Denker entflieht dem methodisch erzweifelten Solipsismus wieder, weil es jenseits des Menschen noch unheimlicher ist als mittendrin.


Anmerkungen:

(1) http://www.zeit.de/digital/internet/2012-08/cyborg-neil-harbisson-biohacking-campus-party/komplettansicht

(2) http://philosophynow.org/issues/91/Moral_Enhancement


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Stichworte: Transhumanismus, Biohacking, Behinderung, Menschheit, Humanismus, René Descartes, Philosophistik & Misosophie

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