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lichtwolf.de / Was ist der Lichtwolf?


am 11.10.2004, 11:32 Uhr (Freiburger Zeitalter) - zurück zu "Über den Lichtwolf"

Was ist der Lichtwolf?

Eine ausführliche Selbstdarstellung.

von Timotheus Schneidegger / Kommentare Kommentare (0)

als "Zeitschrift trotz Philosophie" ist der Lichtwolf der Welt und den Menschen in ihr genauso verpflichtet wie den Künsten und Wissenschaften. Der Name "Lichtwolf" ist programmatisch zusammengesetzt aus dem Heideggerschen Begriff für das Geschehen der Wahrheit ("Lichtung") - und "Leitwolf". Das Zentrum des Lichtwolf liegt bei der (Freiburger) Philosophie, die Beiträge stammen jedoch nicht allein von (Philosophie)Studenten aus Freiburg, sondern von jungen Autoren mit unterschiedlichen Geschlechtern, Lebensläufen, Interessen und Wohnorten.


Was ist "Sinn und Zweck" des Lichtwolf? Das klingt verdächtig nach "Sein und Zeit" und der Frage nach dem Sinn von Sein. Doch während sich über den Sinn vom Sein nicht streiten lässt (weil die Frage darauf angelegt ist), ist der Sinn und Zweck des Lichtwolfs in der Redaktion höchst umstritten. Will man nach dem Sinn fragen, muß erstmal - ganz im Sinne von "Sein & Zeit" - eine Analytik der Sache betrieben werden, nach deren Sinn gefragt werden soll. Dabei zeigt sich, daß die Frage "Was ist der Lichtwolf?" ähnlich schwierig zu beantworten ist wie die nach dem Ziel, das mit ihm verfolgt werden soll.


Der Lichtwolf ist oberflächlich betrachtet eine von unzähligen studentischen Zeitschriften. Besonders in geisteswissenschaftlichen Kreisen scheint es sich zu gehören, früher oder später eine hochschulzugangsberechtigte Schülerzeitung zu "machen". Aus dieser Tradition ist der Lichtwolf auch hervorgegangen, doch über Sinn vermag eine Tradition nichts zu sagen. Der Blick in die Hefte zeigt: Neben dem angeblich philosophischen hat der Lichtwolf einen gleich starken schriftstellerischen Anspruch, der jedoch nicht weniger essayistischen Charakter hat.


Allen Beiträgen ist ein kritischer Grundton gemeinsam, der sie dort über blumig-pathetische Berichte oder Schilderungen erhebt, wo allein die Form das nicht schon längst getan hat. Hierin könnte der Ansatz zu einer Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lichtwolf liegen: Der Lichtwolf betreibt kritische, auf den Ethos gerichtete Phänomenologie.


Er kann und will sein scheinbares Versprechen, eine Philosophie-Zeitschrift zu sein, nicht einlösen, doch seinem Namen macht er alle Ehre: Wo andere bloß eine Lichtung hinpacken und sich im Solarium der Erkenntnis grillen, macht der Lichtwolf nicht halt. Aufklärung ist kein idyllischer Vorgang wie Märchenvorlesen am Kaminfeuer. Aufklärung ist für alle Beteiligten unerfreulich. Sie hat etwas von medizinischen Vorgängen wie Lebertran-Schlucken oder Zähne-Ziehen.


Die Gemütlichkeit im goldenen Käfig des Establishment (Ganz recht: "Establishment"!) wird vom Lichtwolf einig verschmäht. Der übermütige und tollkühne Ausbruch muß denen, die drinnen sind, närrisch erscheinen. Sie sollten froh sein. So jedenfalls scheißen wir nicht jede Ecke des Elfenbeinturms voll und stören damit die darin stattfindende ewige Wiederkehr der inzestuösen Selbstreferenz. Der Lichtwolf ist jung und damit rebellisch. Er will raus, weil er das, was er sieht, nicht einfach hin- oder annehmen will, Karriere hin oder her. Es reicht ihm nicht, bloß Phänomene zu sehen; auch nicht, sie bloß zu verstehen; ja, noch nicht einmal mit ihrer Erklärung wäre er zufrieden: Er will sie angreifen und am Ende vielleicht sogar verändern.


Der Lichtwolf ist insofern eine klassische Kulturzeitschrift, als er das Politische aus der Ethik heraus begreift und diese wiederum als mit der Ästhetik eng verwoben. Der Lichtwolf bricht jedoch mit manchen Charakteristika einer Kulturzeitschrift, nicht zuletzt dadurch, trotz des hohen inhaltlichen Niveaus und bibliophilen Werts eines jeden Heftes dafür mit fünf Euro pro Exemplar kaum mehr zu verlangen als die Produktion gekostet hat. Des weiteren bricht der Lichtwolf auch mit dem traditionellen Kulturbegriff, indem er dem bildungsbürgerlichen Habitus offensiv eine Intellektualität entgegensetzt, die mit jugendlichem Übermut kurzgeschlossen ist und der Punk-Bewegung ebenso nah steht wie dem Bildungsbürgertum.


Als der Lichtwolf im Sommer 2002 von Timotheus Schneidegger und Rawulf von Sar auf Etz aus Unterforderung und Überschwenglichkeit gegründet wurde, stand der künftigen Entwicklung keine Parole oder Zielsetzung im Weg. Der Antrieb hinter der Arbeit am Lichtwolf war und ist die lächerliche und folgenreiche Empfindung, dass es richtig ist, den Lichtwolf zu machen.


Wer sich ein positives Programm ("Was wir wollen" statt "Was wir nicht wollen") gibt, bindet sich und macht sich angreifbar. Wenn Satirezeitschriften zögern, sich ein solches zu geben, liegt das außerdem daran, dass einem solchen Programm die jämmerliche Aura anhaftet, die die Erklärung der Pointe eines brillanten Witzes besitzt. Der Lichtwolf ist jedoch keine Satirezeitschrift (er bedient sich lediglich, wo notwendig, der Satire), darum nur dies: Der Lichtwolf nimmt Teil am Krieg gegen die Ignoranz, zu dem der Kampf gegen die Dummheit erweitert werden mußte. Er ist darin keineswegs selbst ein Kombattant, sondern unterstützt diejenigen, die diesen Krieg in und mit ihren Leben austragen, namentlich die Leser und Schreiber des Lichtwolf. Nicht mehr, aber auch nicht weniger kann er leisten als das. Der Lichtwolf hat sich nie (ernsthaft) ein ausdrückliches Programm gegeben, das andernorts oft genug aus nichts als wohlfeilen Phrasen besteht, sondern sich und seine Mitarbeiter stets vor inhaltlichen oder formalen Fesseln bewahrt.


Die Verteidigung dieser Freiheit und des Fortbestandes des Lichtwolf ist die Aufgabe des Herausgebers. Sie besteht zum einen darin, den Vertrieb zu organisieren, hervorragende Autoren und Illustratoren aufzuspüren, Beiträge auszuwählen und zu lektorieren sowie das Heft zu gestalten. Zum anderen steht der Herausgeber dem Lichtwolf vor durch private Arbeit, die genug Geld einbringt, um neben der Deckung von eigenen Lebenshaltungskosten die Finanzen des Lichtwolf aufzustocken. Das ist notwendig, weil die selten über den Herstellungskosten liegende Verkaufserlöse die einzige Einnahmequelle des Lichtwolf darstellen. Der Lichtwolf ist weder Sprachrohr noch Prestigeobjekt eines externen Trägers, der es sich leisten kann. Einsam wie er ist, hat der Lichtwolf dafür eine lebendige, weil stets unsichere aber eben auch unabhängige Existenz, die aus der Not, fehlende finanzielle Möglichkeiten durch Zeit und Energie auszugleichen, eine Tugend gemacht hat.


Sie erlaubt dem Lichtwolf, vollkommen autonom, aufrichtig und eigentlich zu erscheinen. Wer in solcher Wortwahl einen Moralismus wittert, der nicht zum anarchisch-nihilistischen Eindruck des Lichtwolf passen will, liegt ganz richtig. Auch ohne einen ausdrücklichen Wertekodex, der - wie manches Programm - oft nur Lippenbekenntnis bleibt, wissen sich die Autoren des Lichtwolf der Aufklärung verpflichtet und der Skepsis gegen die Aufklärung selbst. Einen politischen Bekenntniszwang gibt es beim Lichtwolf nicht, einzig den unausgesprochenen Konsens, dass der freie Dialog immer und überall gegen Lüge, Obskurantismus und Schweigen verteidigt und erkämpft werden muß. Die politischen Kommentare im Lichtwolf lassen sich, wie die wenigen ernsthaften und der Sache angemessenen politischen Kommentare unserer Zeit überhaupt, nicht eindeutig links oder rechts verorten.


Die Autoren und der Herausgeber sind allesamt "Privatleute", wie man das so nennt; hauptsächlich geisteswissenschaftliche Studenten und als solche praktizierende Existenzialisten. Die Beiträge im Lichtwolf richten sich an unabhängige und offene Leser, die sich weder an Zweifel, Fragen und Empörung gewöhnen, noch mit der Welt, wie sie zu sein scheint, abfinden wollen. Bei der kleinen Auflage des Lichtwolf kommt man nur zufällig zum Lichtwolf. Wer als Leser dabei bleibt, zeichnet sich oft durch das aus, was auch den Lichtwolf charakterisiert: Einzigartigkeit bis hin zur Verschrobenheit, Aufrichtigkeit bis hin zur Selbstgefährdung, Gerechtigkeitssinn bis hin zur Misanthropie, und die Auffassung, dem Hergebrachten am meisten Respekt zu zollen, indem man es herausfordert und sich daran misst.


Der Lichtwolf erfreut sich in einem zwar kleinen, aber erlauchten Kreis wachsender Anerkennung - und teilt sie zugleich aus. Für viele Autoren ist eine Absage des Lichtwolf merklich das erste Mal, nicht einfach wortlos an einer allgegenwärtigen Ablehnungsmaschinerie zu scheitern, sondern von anderen Menschen als schreibendes Wesen ernst genommen zu werden.


Entsprechend verschreibt sich der Lichtwolf auch der Förderung von Nachwuchsautoren – nicht als "Offenes Forum", "Experimentierfeld", "Textlabor" oder ähnliche Scheiße, die sich manch anderes Projekt aus offenkundigem Mangel an Einfallsreichtum und Ehrgeiz anheftet. In den Lichtwolf schaffen es nur Texte, denen anzumerken ist, daß sie geschrieben werden mussten, obwohl und weil sie nicht dem Zeitgeist gehorchen. Die Beiträge sollen so sein dürfen, wie sie sind, unabhängig von jeglichen Markt-, Kunst- und Mediendogmen. So steht der Lichtwolf all denen offen, die zu "Smells like Teen Spirit" für andere Publikationsmöglichkeiten sind; Autoren, denen man zu verstehen gab: "Geht doch nach drüben!" Aber nicht aus Gründen politischer Gesinnung! Es sind Autoren, die auf dem "Markt" keine Chance haben und das nicht aufgrund ihres mangelnden Talents; sie lassen sich schlecht verkaufen, weil sie sich nicht verkaufen.


"Trotz" wird bei uns großgeschrieben, denn der Lichtwolf widerlegt seit Jahren zum einen das Ende von Philosophie, Kunst und Geschichte; zum anderen den modernen Aberglauben, es sei heutzutage unmöglich, ohne Beziehungen oder Willen zum Mehrwert etwas ansehnliches auf die Beine zu stellen. Mit jeder Ausgabe beweist er aufs Neue, was noch alles möglich ist, und bekräftigt seinen Anspruch, dies auch weiterhin zu zeigen.


Der Lichtwolf ist keine akademische Zeitschrift, obwohl die meisten seiner Leser und nahezu alle seine Autoren eine akademische Ausbildung haben oder gegenwärtig das erleiden, was Hochschullehrerschaft und Ausbildungsministerien an Stelle des praktizierten Humboldtschen Geistes gesetzt haben. Der Lichtwolf wendet sich an Studierende, aber nicht als Studierendenzeitschrift mit Lifestyle-Quatsch, Party-Tips usw. An Stelle eines ranschmeißerischen Tons herrscht im Lichtwolf ein gehobener Stil, der herausfordert, auch weil er immer wieder gebrochen wird. Aus diesem Grund wendet er sich an ein kenntnisreiches, aufgeschlossenes, gebildetes aber eben unverbildetes Publikum jeden Alters, das Textsorten zu erkennen, sowie Anspielungen und Pointen zu verstehen vermag.


Mit Arno Schmidt gesagt: "Kunst dem Volke ? ! : den slogan lasse man Nazis und Kommunisten : umgekehrt ists : das Volk (Jeder !) hat sich gefälligst zur Kunst hin zu bemühen !"


Das Verhältnis des Lichtwolf zu der Tradition, in der er steht, ist von tiefer Haßliebe geprägt, von einer grundlosen Besessenheit, die sich genauso in seinem Verhältnis zur Aufmachung jeder einzelnen gedruckten Ausgabe vorfindet. In der Form des Lichtwolf vereint sich Trash mit Hochkultur, Antiquariat mit Informationszeitalter, der Widerspruch zwischen Form und Inhalt wird auf die Spitze getrieben: Der Lichtwolf scheut sich nicht, alle Gattungen willkommen zu heißen und sein hohes inhaltliches Niveau in einen Gegensatz zu seiner überholten Form zu stellen.


Für den Leser wiederum heißt das, auch er muß sich Zeit nehmen, weil er ein fast vollständig verdrängtes Gut vor sich hat: Texte und Zeichnungen, für die sich jemand viel, viel Zeit genommen und Mühe gemacht hat. So wird der Lichtwolf nicht durchgeblättert und weggeworfen, sondern gelesen und aufgehoben, um bei Zeiten wieder hervorgeholt zu werden und aufs Neue ein Lächeln darüber zu wecken, mit dieser Zeitschrift wirklich etwas außergewöhnliches zu haben, das sich nicht als "anders" ausgibt, sondern mit bitterer Konsequenz anders ist.


Stichworte: So-sein, essentia, Definition, Bestimmung, Erklärung, Struktur, Gestalt, Selbstdarstellung, Profil, Impressum

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