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lichtwolf.de / Monatsbuch / November 2015

Monatsbuch

November 2015

Links der Woche am 07.11.2015, 14:37 Uhr

Links der Woche, rechts der Welt KW 45/15

Der Laplacesche Dämon wird Historiker.

Will man künftige Entwicklungen vorhersagen, muss man alle relevanten Elemente kennen, aber vor allem ihre Netzwerkbeziehungen untereinander. Der Physiker Silvio R. Dahmen zeigt in der FAZ, was solche Netzwerkanalysen in mythischen Erzählungen zutage fördern und wie sie vielleicht mal dazu taugen, die Zukunft von Populationen und Zeitgeist vorherzusagen. (04.11.2015)

Die neuen Totengräber

Bei Telepolis unterhält sich Hans-Arthur Marsiske mit dem Prekariatsforscher Guy Standing über die neue explosive Klasse. Denn das neoliberale Programm forciert Ungleichheit und Entsolidarisierung in einem gefährlichen Ausmaß, wie sich am deutlichsten am demoralisierten und entrechten Prekariat zeigt. (07.11.15)

Indiana Jones der Semiologie

Roland Barthes wird zu seinem 100. Geburtstag von Peter Geimer in der NZZ gewürdigt: Mit fast schon paranoischer Sensibilität ging Barthes der beredten „Allmacht der uns umgebenden Zeichen, Codes und Botschaften“ auf den Grund und erschütterte die von Alltagsmythen verursachte scheinbare Selbstverständlichkeit kultureller und historischer Phänomene. (07.11.15)

Zweimal Seeßlen

In seinem Blog hat Georg Seeßlen diese Woche zwei wichtige Texte veröffentlicht. Im ersten geht es um Unterschiede und Zusammenhang zwischen Protz, Prunk und Luxus und was diese Begriffe jeweils für die Verbindung von Haben und Sein bedeuten in einer kapitalistischen Kontrollgesellschaft, die nur noch Protz zulässt und Luxus verdammt. Im zweiten Text meditiert Seeßlen über das Wesen der Bibliothek: Wann wird aus einer Sammlung von Büchern ein magischer Ort und was hat die Bibliothek mit Bürgerlichkeit, Erotik und Revolution zu tun?

Außerdemchen:

Bei Hohe Luft legt Richard Wolin nach und bekräftigt, warum die von Vittorio Klostermann verantwortete Heidegger-Gesamtausgabe ein internationaler Wissenschaftsskandal ist. +++ Die FR unterhält sich mit dem Historiker Fritz Stern über die derzeitige Entwicklung in Deutschland, das über der Flüchtlingsfrage zerrissen ist. +++ Axel Honneth versucht sich in seinem neuen Buch an einer Aktualisierung der Idee des Sozialismus, der jedoch - so die taz - die richtigen Leute fehlen. +++ Im Telepolis-Interview gibt Hans-Christian Dany Auskunft über den Stillstand als verzögertes Ende des Kapitalismus. +++ Die NZZ zeigt sich fasziniert von der deutschen Ausgabe vom „Tagebuch eines Philosophen“, den präpotenten Notizen des jungen Alexandre Kojève. +++ Außerdem wünscht die NZZ der deutschen Neuausgabe von Lew Schestows „Apotheose der Grundlosigkeit“ die Aufmerksamkeit, die Schestows Denken in Frankreich längst zuteil geworden ist.


Links der Woche am 14.11.2015, 14:59 Uhr

Links der Woche, rechts der Welt KW 46/15

Wer oder was ist das Volk?

Der Freitag feierte diese Woche 25. Geburtstag und holte aus diesem Anlass manches aus dem Archiv hervor. So diesen Text aus dem November 1990, in dem Georg Seeßlen sich über die vielen Bedeutungen Gedanken macht, die der Begriff „Volk“ im Slogan „Wir sind das Volk“ hat - und was das für Begriffe wie Herrschaft oder Nation bedeutet. (09.11.90)

Zwischen allen Stühlen

André Thiele erinnert in der ZEIT an den Berliner Philosophen Saul Ascher, der gegen den Antisemitismus und die nationalistische „Germanomanie“ des 19. Jahrhunderts anschrieb. Seine Überlegungen zu einem heterogenen Deutschland ohne Reinheitsfanatismus sind heute wieder aktuell. (09.11.15)

Hoffnung für die Assis überall

Ein neues Wissenschaftzeitvertragsgesetz soll das personelle Elend an deutschen Hochschulen beheben. Thomas Thiel blickt in der FAZ zurück auf die systematische Prekarisierung des wissenschaftlichen Nachwuchses im universitären Mittelbau. Die Bildungspolitik kennt das Problem, nun solle sie es lösen. (11.11.15)

Historiker vs. Systematiker

Vor einigen Woche begann in der FAZ eine kleine Debatte über analytische Philosophie vs. Kontinentalphilosophie. Nun ist Rolf-Peter Horstmann an der Reihe. Zunächst wehrt er sich gegen die Idee, historische Forschung habe in der Philosophie nichts mit Selberdenken zu tun. Dann beklagt er noch die Beliebigkeit philosophischer Fragestellungen und deren Vokabular. (11.11.15)

Den Toten dieser Woche

Zwei Verstorbene wurden diese Woche von den Feuilletons gewürdigt (und nach den gestrigen Anschlägen in Paris sind es noch viel mehr). Zu Beginn der Woche starb mit dem französischen Philosophen André Glucksmann ein Vertreter des Denkens jenseits des Rheins, der im Maoismus loslegte, die Friedensbewegung kritisierte und schließlich für Sarkozy Wahlkampf machte. Hierzulande starb der Bundeskanzler a.D. der Herzen und Lungen, Helmut Schmidt. Patrick Bahners von der FAZ erinnert sich, wie sich Schmidt einmal weigerte, ein Kant-Zitat zu kommentieren, ohne vorher den Textbeleg zu Gesicht zu bekommen. Außerdem hat dei FAZ noch ein Interview auf Lager, das Bahners und Jürgen Kaube 2011 mit Schmidt über Rauchverbote, Atheismus, Liberalismus und Islam führten.

Flucht und Fremdenfeindlichkeit

Für die FR unterhält sich Arno Widmann mit dem Historiker Michael Borgolte darüber, wie Europa durch Migration zu dem wurde, was es heute ist, und warum die Lage nicht im Mindesten mit der Roms zu Zeiten der Völkerwanderung zu vergleichen ist. Die abwehrende Haltung gegenüber Menschen, die hier Schutz suchen, wird im Feu längst auch analysiert. Caroline Fetscher macht sich im Tagesspiegel Gedanken über die menschliche Fähigkeit zur Empathie und was dazu führen kann, dass einige Menschen in der Flüchtlingskrise damit sehr haushalten. Sibylle Hamann hat bei diepresse.com eine andere Theorie: Wilde Gerüchte übers süße Flüchtlingsleben zu verbreiten dient der Repression des Reflexes, Menschen in Not zu helfen.

Et cetera:

Martin Walser teilt in der FAZ seine lebenslange Begeisterung von Nietzsches Zarathustra mit. +++ Till Hahn erinnert im Freitag an den depressiven Marxisten Louis Althusser, der als überholt gilt und dennoch die französische Philosophie bis heute prägt. +++ Als wäre die Kreiszahl Pi nicht schon faszinierend genug: Britische Mathematiker haben einen Zusammenhang zwischen Quantenphysik und Pi entdeckt, wie Telepolis meldet. +++ Raoul Schrott empfiehlt in der NZZ die Lektüre von „Die Inseln“ aus der Feder Jean Greniers, der ein prägender Einfluss für Albert Camus war. +++ Jürgen Kaube stellt in der FAZ drei Neuerscheinungen zum 100. Geburtstag von Roland Barthes vor. +++ Außerdem lädt Kaube zu einer Leseprobe aus dem Sammelband ein, in dem philosophische Probleme anhand der TV-Serie „The Big Bang Theory“ erörtert werden. +++ Die Jüdische Allgemeine weist auf einen neu erschienenen Band mit Gedichten von Hannah Arendt hin.


Links der Woche am 21.11.2015, 14:14 Uhr

Links der Woche, rechts der Welt KW 47/15

Mit Popper nach Paris

Für den Wirtschaftsteil der FAZ hat Rainer Hank noch einmal Karl Poppers „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ hervorgekramt. Hier ist zu lernen, dass die Barbarei nie endgültig von der Aufklärung besiegt, sondern gar eher angelockt wird. Trotzdem lohnt es ohne Sinn, ohne Utopie oder Gott für Demokratie und Recht zu kämpfen. (17.11.15)

Ratlosigkeit triumpiert über Geschichte

Auch Hans Ulrich Gumbrecht überlegt in seinem FAZ-Blog, was nach den Pariser Anschlägen noch mit Geschichte und Erinnerung anzufangen ist. Statt zu Popper greift er zu Karl Löwith. Ihm zufolge ist die christliche Geschichtsphilosophie durch die Schrecken von WKII widerlegt worden - und dass Löwiths Schrift vergessen bzw. verdrängt wurde, findet Gumbrecht bezeichnend. (21.11.15)

Unn sünst?

Zum Welttag der Philosophie unterhält sich Korbinian Frenzel für Deutschlandradio Kultur mit Stefan Gosepath über Philosophie in der Öffentlichkeit. +++ Die WELT berichtet über eine Kant-Studie von Steffen Martus, die den Königsberger bloß als den besten Werbetexter des damaligen Aufklärungsdiskurses charakterisiert; wie ja auch Hegel - oha! - kein glühender Demokrat war. +++ Apropos: Die taz weist ausführlich auf ein neues, knapp 3.000-seitiges Kant-Lexikon hin, das auch als E-Book für nur ein paar hundert Euro zu haben ist. +++ Nils Markwardt erinnert im Freitag (mit Jaspers, Popper und Badiou im Gepäck) mit Blick auf die Anschläge in Paris und das folgende Kriegsgerede an die norwegischen Reaktionen nach dem Anschlag in Oslo und auf der Insel Utøya 2011. +++ Ein Vierteljahrhundert lang wird man, wie die FR meldet, in Köln über den muslimischen Gelehrten Averroes, dem wir u.a. Aristoteles und das spannende Verhältnis zwischen Philosophie und Offenbarung verdanken, forschen und edieren. +++ Der französische Philosoph Michel Serres hat laut taz ein Buch darüber geschrieben, wie Sprache und Philosophie (und alles überhaupt) aus der Musik entstehen.


Links der Woche am 28.11.2015, 15:46 Uhr

Links der Woche, rechts der Welt KW 48/15

Weltuntergang aus Kartoffelpüree

Bundesrichter Thomas Fischer schreibt in der ZEIT regelmäßig über Grenzfragen zwischen Recht und Moral. Diese Woche nahm er sich das Böse vor. Das hat im Strafrecht nichts verloren und ist auch philosophisch knifflig. Der leicht erratische Schreibstil passt zur eigentlichen Frage: der Abgrenzung vom Bösen zum Verrückten und zur schuldunfähigen Abartigkeit. (24.11.15)

Zurück zur Schönheit als Erdbeben

Wolfgang Ullrich sieht in der ZEIT das Zentrum für politische Schönheit durch Philipp Ruchs Manifest des Images links-alternativer Politkünstler beraubt. Denn Ruch beklagt ziemlich altmodisch, dass der Mensch im modern-reduktionistischen Weltbild entzaubert bis degradiert wird, und reiht sich in die Tradition des eher nicht so linken Antimodernismus ein. (26.11.15)

Außerdemos von Sonstnochos:

Vier Jahre nach dem Tode Friedrich Kittlers, der weder ganz Frankfurter noch ganz Freiburger war, beginnt die Edition seiner Werkausgabe mit unveröffentlichten Texten des noch jungen Medienphilosophen; sowohl die NZZ als auch die FAZ (diese ausführlicher) besprechen die Frühschriften. +++ Noch mehr Nachlässe: Ludger Lütkehaus weist in der NZZ auf die Neuausgabe von Schopenhauers nachgelassenen Texten aus den Jahren 1837 bis 1852 hin. +++ Die NZZ bespricht auch die Studie von Manfred Clauss, die das Frühchristentum als Fundamentalismus mit „Gewaltproblem“ erweist. +++ Die FAZ weist auf Julian Hamanns Studie über die Geisteswissenschaften und ihre Bedeutung für den Bildungsbegriff hin. +++ Der Freitag bespricht Axel Honneths „Die Idee des Sozialismus“, worin er unter Rückgriff auf die Frühsozialisten nach einer Utopie jenseits der Kapitallogik sucht. +++ Nach den Anschlägen von Paris hat Oliver Jungen für die FAZ zu Klaus Theweleits „Das Lachen der Täter“ als Buch der Stunde gegriffen, fand darin aber wenig Neues. +++ Der Tagesspiegel stellt Herfried Münklers Buch „Kriegssplitter“ über die Entwicklung organisierter Gewalt im 20. Jahrhundert vor. +++ Marcus Meier plädiert bei Telepolis für eine neue Drogenpolitik, die das Recht auf Rausch und den Staat als vertrauenswürdigsten Dealer anerkennt. +++ In Wien wird gerade Philosophie getanzt - und Jostein Gaarders „Sofies Welt“ gibt es kostenlos in der Fußgängerzone, wie der Standard meldet.



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