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lichtwolf.de / Monatsbuch / August 2012

Monatsbuch

August 2012

Links der Woche am 04.08.2012, 14:04 Uhr

Links der Woche, rechts der Welt KW 31/12

Searle zum 80.

Diese Woche wurde der Sprechakt der Geburtstagsgratulation ausgiebig begangen. Anlässlich John Searles Achtzigstem vergleicht Hans Bernhard Schmid in der NZZ den Philosophen mit John Wayne und hat den Eindruck, Searle revidiere in seinem gleichfalls diese Woche auf Deutsch erschienenen Buch (Besprechung bei Deutschlandradio Kultur) seine Theorie der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit. Für die SZ würdigt Willy Hochkeppel Leben und Werk des Gratulanden und Tim Caspar Boehme gibt in der taz einen Crash-Kurs Speech Acts wegen Geburtstag und Buchveröffentlichung.

Man ist auch Mensch

Der viel gerühmte Heribert Prantl hat in einem Porträt über Andreas Voßkuhle, den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, den falschen Eindruck erweckt, dessen Kochgewohnheiten aus eigener Beobachtung zu kennen. In diesen unfassbaren Journalismusskandal schaltet sich Michael Angele via Freitag ein, indem er auf Prantls an Heidegger ("diesem vermutlich bedeutendsten Philosophen aller Zeiten") geschulten Gebrauch des Wörtchens "man" hinweist. (01.08.12)

Du bist AAA, aber mit Ausblick negativ.

Wirtschaftsthemen sind wg. Krise längst auch Feuilleton-Themen, zumal jeder schon einmal erleben musste, wie es ist, herabgestuft zu werden. Die FAZ hat einige Redakteure und Autoren aufschreiben lassen, wann und wie ihre Abwertung stattfand, begründet und empfunden wurde. Tröstliche Lektüre, denn trotzdem ist ja noch was aus ihnen geworden. (vgl. die taz-Rezension von Werner Rügemers Analytik der Rating-Agenturen)

Philosophie und Sex

Stefanie Voigt beleuchtet bei Telepolis die schummrigen Winkel der Philosophiegeschichte, in denen es um Sex geht. Dort ist aber nicht viel los und Voigt muss im ersten Teil ihres Essays erstmal klären, wie Philosophie und Sex sich bereits in der Antike auseinandergelebt haben. Im nun veröffentlichten zweiten Teil ihres Essays ist Voigts Philosophiegeschichte des Vögelns in der Neuzeit angekommen - und wir warten mit einer freien Hand auf den dritten Teil.

Unn sünst?

Thomas Stadler rekapituliert in seinem Blog die jüngsten Wortmeldungen zur Sommerdebatte um Blasphemie und Beschneidung. +++ Der große Biochemiker Gottfried Schatz sieht in der NZZ die Naturwissenschaften in fortschrittsbedingte Sprachverwirrung abgleiten. +++ Occupy Space: Bei Glanz & Elend denkt Peter V. Brinkemper über "Prometheus - Dunkle Zeichen" nach, den neuen Film von Ridley Scott ("Bladerunner", "Alien"). +++ Sigmar Gabriel - so steht's in der heutigen FAZ - lässt der SPD ein Parteiprogramm von Jürgen Habermas, Julian Nida-Rümelin und dem Ökonomen Peter Bofinger schreiben. (Nachtrag, 05.08.: Die europapolitische Denkschrift ist nun auch online bei der FAZ.)


Irgendwas mit Medien am 09.08.2012, 20:08 Uhr

Bis die F-Skala platzt

Bei der WELT hat Henryk M. Broder einen europapolitischen Kommentar geschrieben, in dem er Markus Söder und Marine Le Pen für ihre EU-Skepsis in eine Reihe mit Giordano Bruno stellt. So weit, so Broder. Viel bemerkenswerter ist bei seinen Texten der Kommentarbereich, dessen per "Empfehlen"-Klick quantifizierter Leserapplaus Aufschluss über die Geschwisterlichkeit von WELT und BILD gibt.

Kommentare in der Welt


Links der Woche am 11.08.2012, 14:33 Uhr

Links der Woche, rechts der Welt KW 32/12

Kultur

Kultur soll den Phantomschmerz des verlustig gegangenen Paradieses lindern, so Ralf Konersmanns Eingangsthese in der NZZ, weshalb sie aber immer auch als "Sinnbild der Seinsverfehlung" gilt; Konersmanns sodann folgende Begriffsgeschichte erweist diesen prothesenhaften Kulturbegriff als unangemessen für die menschliche Sphäre. Von deren Teilgebiet Feuilleton - der "Fortsetzung des Gymnasialunterrichts mit anderen Mitteln" - hat Georg Seeßlen die Schnauze voll: In der taz fordert er dessen Abschaffung, weil es die bürgerliche Persönlichkeit, deren Aufbau der des Feuilletons entsprach, nicht gibt. (Siehe direkt dazu Marc Reichweins Feuilletonkritikkritik in der WELT.)

Gewalt

Die Gewaltausbrüche inmitten vermeintlich zivilisierter Gebiete werden vielleicht objektiv nicht zahlreicher, aber doch immer spektakulärer. Ingeborg Harms sieht in der ZEIT einen Überbietungswettbewerb der Gewalt toben, der seine Wurzeln in der französischen Revolution hat und vom unerfüllbaren Heroenkult genährt wird. Dafür, sich damit nicht abzufinden, plädiert Andreas Herberg-Rothe in der FR. Seine Begriffsgeschichte der Gewalt und Moderne zeigt sich skeptisch in Bezug auf den zivilisierenden Fortschritt, aber auch in Bezug auf die auf dieser Skepsis beruhenden Versuche, der Moderne eine kämpferische Metaphysik zu geben.

Europa

Nicht nur in der aktuellen sonntaz der Streit der Woche, ach, des Jahres: Wie alternativlos ist "Europa"? Wer so fragt, ist blöd, urteilt Ottfried Höffe in der FAZ. Deutschland wird vom Süden ausgeplündert und das Volk von Nebelkerzen werfenden Politikern an der aufgeklärten Mitsprache gehindert. (Recht ähnlich der neuliche WELT-Kommentar nebst der Leserstimmen.) Auch Hans-Ulrich Gumbrecht denkt über Europa nach, wo die Nationen heterogen nebeneinander her leben und von einander sowie von einer die Exportökonomie ummäntelnden Idee Europa angeödet sind. Immerhin profitiert die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. (Passend zum ganzen Euro-Elend nehmen die Pläne zum Einsatz der Bundeswehr im Innern Gestalt an.)

Leistungsschutz für die Öffentlichkeit

In der Urheberrechtsdebatte gilt es, die Bereiche Kunst und Wissenschaft zu unterscheiden, schreibt Wissenschaftsrat Wolfgang Marquardt in der FAZ. Das wissenschaftliche Publikationswesen ist zugunsten der Verlage und zuungunsten der Autoren und Nutzer durchkommerzialisiert. Hier gelte es, die Herrschaft der Wissenschaftsverlage durch eine Novelle des Urheberrechts zu brechen. (08.08.12)

Pröbchen und Tierchen

Von Klett-Cotta gibt es eine 12-seitige Leseprobe, in der Helmut König die Philosophiegeschichte der Bundesrepublik behandelt (Obacht, es kommt sofort ein PDF!) +++ Diese Woche war Weltkatzentag und damit auch alle anderen niedlichen Viecher ihre Würdigung erfahren, gibt's im SZ-Magazin eine Fotostrecke von Ed Panar mit Aufnahmen von Tieren, die ihn angucken.


Links der Woche am 18.08.2012, 14:27 Uhr

Links der Woche, rechts der Welt KW 33/12

Denver Clan Feuilleton

Sommerloch im Feuilleton? Von wegen! Der Forderung aus der letzten Woche, die bourgeoise Geisteswichserei abzuschaffen, schließt sich Johannes Kuhn nicht an, weiß aber, dass die berühmte Digitalisierung "das Feu" zur Erneuerung zwingt. Auch Tim Klimeš stimmt nicht ganz zu, aber anders: Für ihn gehört der feuilletonistische Stil auf die komplette Zeitung ausgedehnt. Und Lena Baetz verlangt im Freitag weniger Klagen und mehr Besinnung auf die F-Tugenden wie Stil und Haltung. Vollends erwies sich das Getue im feuilletonistischen Schrumpfolymp als Seifenoper, nachdem Richard "Sherlock" Kämmerlings in der WELT aufgedeckt hat, bei dem Autor des Schweden-Krimis, in dem unverkennbar Frank Schirrmacher zerfleischt wird, könne es sich nur um den Schirrmacher-Rivalen Thomas Steinfeld von der SZ handeln. Die literarische Exekution verleitet Jakob Augstein bei der Motivsuche dazu, Schirrmacher zum Übervater des Feuilleton hochzuschreiben, auf den sich patrizidale Ohnmacht fokussieren muss. Oh, it's fun to watch rich people be naughty!

Nochmals: Europa

Derweil wird in Schirrmachers Firma weiterhin eine europapolitische Debatte geführt. Nachdem die Skeptiker zuletzt ein wenig die Medien beherrschten, plädiert Nils Minkmar dafür, die deutsch-französische Freundschaft zum Grundmuster für den innereuropäischen Umgang zu machen. Sodann erinnert Hans-Gert Pöttering in einem Gastbeitrag daran, dass das Grundgesetz die weitere europäische Integration nicht etwa verhindert, sondern ausdrücklich vorsieht.

Summa C L

Max Webers Briefe von 1918–1920 sind frisch ediert, schreibt Joachim Radkau in der ZEIT, und darin scheint der Chefsoziologe u.a. seiner einen Geliebten akademisiert von Cunnilingus und Analverkehr vorzuschwärmen und es überhaupt ganz unpuritanisch angehen zu lassen. Daneben erfahren wir reichlich über Webers Selbstbild und seine Korrespondenzen über den Ersten Weltkrieg. (16.08.12)

Objektives Recht

In der ZEIT stellt Felix Stephan - anlässlich von Paul Ryans Nominierung zum republikanischen Kandidaten für das Amt des US-Vizepräsidenten - dessen liebste Kapitalismusdenkerin Ayn Rand vor. Ihre Bücher - allen voran "Atlas Shrugged" - verkaufen sich von Jahr zu Jahr besser und prägen das Denken - jedenfalls in den USA. Das Erfolgsgeheimnis ist der High Society Telenovela-Stil der ökonomischen Apokalypse, die durch Steuern und Arbeitnehmerrechte ausgelöst wird. (17.08.12)

Aufsätze

Nebenan bei Information Philosophie gibt es drei neue Aufsätze auf einen Schlag, nämlich: Levinas und die Jüdische Philosophie von Rachid Boutayeb, Philosophisches zum "So-Tun-als-ob" in der Schule von Markus Waldvogel und Kritische Neurowissenschaft von Jan Slaby ("unveröffentlichtes Manuskript – bitte nicht ohne Erlaubnis des Verfassers zitieren oder verbreiten!").

The Schlotterdeik Diaries

Peter Sloterdijks Notizbücher der Jahre 2008 bis 2011 ("Zeilen und Tage") sind da und Thomas Kapielski hat sich beim Rezensieren für die FAZ bereits mit dem Schwurbelstil angesteckt. Mit nahezu identischem Einstieg, aber nüchterner referiert Andreas Rosenfelder in der WELT, wie Sloterdijk sich selbst beim Denken und Gucken dokumentiert; auch Dirk Pilz in der FR findet das alles sehr okay. Sloterdijk ist übrigens in der Titanic-Reihe Premiumdenker der Gegenwart der Erste; Nr. 2: Robert Spaemann.

Noch mehr Rezensionen

Rolf Hosfelds Tucholsky-Biographie wird in der NZZ von Manfred Koch als Introspektive des Weimarer Feuilleton (s.o.) vorgestellt. +++ Ebenfalls in der NZZ weist Karl-Markus Gauss auf Arthur Schnitzlers Traumtagebuch hin. +++ Tim Caspar Boehme bespricht in der taz zwei Bücher, die sich mit Lacans Axiom beschäftigen, es gäbe keinen Geschlechtsverkehr (sondern Reis?).


Intime Interna am 22.08.2012, 17:17 Uhr

Neue E-Geschichte von Michael Helming

Sind Sie sicher, wen Sie da auf der Straße wiedererkennen?

Vergangenen August eröffnete der catware.net Verlag seinen E-Book-Reigen. Seither sind die Lichtwolf-Ausgaben sowie die Bücher von Lichtwolf-Autoren auch für Kindle, iPad und alle anderen elektrischen Lesegeräte erhältlich. MIchael Helming: Harnisch

Im Zuge der Elektrifizierung startete auch die Reihe "Le chat sans papier", in der Kurzgeschichten von Lichtwolf-Autoren exklusiv als E-Book aufgelegt werden. Hier ist jetzt mit Michael Helmings "Harnisch" ein Neuzugang zu verzeichnen.

Die Kurzgeschichte handelt vom Flaneur Igor Timorrs und der Frage, als wer er denn nun eigentlich auf der Straße wiedererkannt wird. Gibt es offene und ehrliche Worte, mit denen das heutige Individuum die Beziehungslosigkeit und Fremde sich selbst gegenüber artikulieren könnte?

Eine Begegnung als Erzählung für Ihre Leuchtschrippe, erhältlich als E-Book für Amazon Kindle und bei Libreka im epub-Format für alle anderen Reader (=E-Buch-Lesegeräte), jeweils bloß 2,99 Euro "inkl. Versand". Wie gewohnt DRM-frei.


Links der Woche am 25.08.2012, 14:43 Uhr

Links der Woche, rechts der Welt KW 34/12

Nachkläppe

Zu den Debatten aus der letzten Woche zotteln noch einige Wortmeldungen herein. In Sachen "Feuilleton abschaffen" spricht sich auch Isolde Charim in der taz dafür aus, das querulatorische Potential der Blätter in Zeiten ökonomistischer Gleichdenke zu stärken. Und bei der FAZ meldet sich in Sachen Europa Martin Walser zu Wort und verteidigt die Einigkeit des alten Kontinents mit Nietzsche, Hölderlin und Schäuble. Die ZEIT dagegen macht es andersrum und hat einen Sack europäischer Schriftsteller gefragt, was sie von Deutschlands Euro-Politik halten.

"nice-to-know"-Interdisziplinarität

Interdisziplinarität ist cool und hip und der Winner bei allen DFG-Antragsfeten. Davon will Peter Geimer in der FAZ aber nichts wissen, denn er fragt, ob der vor jeder gemeinsamen Forschung nötige Verständigungsaufwand z.B. zwischen Romanistinnen und Festkörperphysikern oder zwischen Neurologinnen und Vorderasienarchäologen überhaupt lohnt. (19.08.12)

Drum prüfe, wer sich ewig bindet

Nach den Soziologen geben jetzt auch die Historiker einen empfohlenen Scheiß auf das Hochschul-Ranking des CHE, das Studieninteressierten den Weg weisen soll. Jürgen Kaube berichtet in der FAZ von der soziologischen und mathematischen Kritik an den empirischen Methoden des CHE und wird grundsätzlich: "So wenig, wie es die besten fünf Weltreligionen, die fünf besten Physiklehrer an Gymnasien oder fünf beste Ehefrauen gibt, gibt es die besten fünf Soziologie- oder Geschichtsinstitute oder Geschichtsstudiengänge an deutschen Hochschulen." (21.08.12)

Zwei Umwerter

Nebenan im Begleitschreiben beschäftigt sich Gastautor Leopold Federmair mit Nietzsche und Jean Genet. Nietzsches Projekt, durch Reflexion zur Naivität zurückzukehren, findet bei Genet unter umgekehrten Vorzeichen statt. Am deutlichsten wird der Unterschied beim vitalen Thema Begierde - verstockt hier, obszön da; ein zweiter Teil folgt. (23.08.12)

Max Weber im Radio

via @perspectivia: DRadio Wissen hat diese Woche über die Tagung "Max Weber in der Welt" berichtet. Auf hypotheses.org sind die vier Teile versammelt: Universalgelehrter und Soziologe, Der frühe Denker der Globalisierung, Der Soziologe und der Krieg sowie Ein deutscher Soziologe in der Welt. (24.08.12)

Zur vorlesungsfreien Zeit:

Die Reisen des jungen Wittgenstein in die skandinavische Einsamkeit werden in der NZZ thematisiert. +++ Hoffnung für Studienabbrecher macht die ZEIT: Alles halb so wild! +++ Wer das Philosophie-Studium schmeißt, erspart sich was, vgl. dazu Philosophen schämen sich (via der blinde Hund). +++ 50 Jahre wissenschaftstheoretischer Paradigmenwechsel: The Observer über Thomas Kuhns Klassiker.



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Titelthema: Wurst

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