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lichtwolf.de / Monatsbuch / Mai 2015

Monatsbuch

Mai 2015

Links der Woche am 02.05.2015, 14:30 Uhr

Links der Woche, rechts der Welt KW 18/15

Dein Staat liebt dich!

Martha Nussbaums Buch „Politische Emotionen“ beschäftigt sich mit dem emotionalen Unterfutter, das politische Prinzipien erst wirksam macht. Der Staat soll sich darum kümmern, Begeisterung und Abscheu in sozial nützliche Bahnen zu lenken. Nussbaums liberaler Etatismus wirft für Freitag-Leser Gunnar Kaiser aber gravierende Fragen nach der Legitimität von Staaten überhaupt auf. (26.04.15)

Das neue Dagegen

Mit dem Kapitalismus des 21. Jahrhunderts kann die Linke wenig anfangen, beobachtet Felix Stephan in der ZEIT, und mit seinen Gegnern erst recht nicht. Die machen sich lieber mit neoliberalen Mitteln an die Arbeit der Weltverbesserung. Das ist noch lange nicht Fluxus, wie ihn der Freitag am Künstler Bazon Brock exemplifiziert, der seit den 60ern Systemsabotage durch Überaffirmation vormacht. Und Lennart Laberenz portraitiert ebd. die neuen politischen Protestformen, die der verschnarchten Kundgebung alter Schule den Rang ablaufen.

Zwischenstand beim Untergang der Geisteswissenschaften

Wissenschaftsverlage stehen seit geraumer Zeit als Absahner öffentlich finanzierter Forschungsergebnisse in der Kritik. Joachim Müller-Jung berichtet in der FAZ von einer Studie der Max Planck Digital Library, die fordert, künftig mehr in frei zugänglichen Open-Access-Zeitschriften zu publizieren. Andrea Roedig stellt im Freitag dagegen Michael Hagners Analyse zum Verschwinden des Buchs vor, wonach die Geisteswissenschaften durch Open Access eher bedroht als beflügelt würden, da auch hier längst die Großverlage mitmischen. Julian Nida-Rümelin sieht in der ZEIT die Geisteswissenschaften auf dem absteigenden Ast. Schuld ist jedoch vor allem die Bologna-Reform mit ihrer Orientierung an Ökonomie und Naturwissenschaften. Und sonst? Anlässlich seines Buchs über Digitalisierung unterhält sich die taz mit dem Soziologen Christoph Kucklick darüber, wie die Technik u.a. unser rationalistisches Selbstbild herausfordert.


Irgendwas mit Medien am 07.05.2015, 16:54 Uhr

Philosophie auf der Walz

Liebe Zielgruppe,

vielleicht ist bei Ihnen der Studienabschluss in der besten aller Wissenschaften absehbar oder noch nicht allzu lange her. Wenn Sie darüber hinaus auch noch reisefreudig, halbwegs sozialisiert und ein bisschen telegen sind, interessieren Sie sich doch für ein vielversprechendes Filmprojekt mit dem Arbeitstitel „Mit Kant über’s Land“.

Darin begeben sich Philosophie-Absolvent_innen im Sommer auf die philosophische Walz, um gemeinsam mit einer netten, jungen Filmcrew denkend und fragend durchs Land zu tingeln. Nähere Informationen zum Filmprojekt und Kontaktmöglichkeiten gibt es in dieser Ausschreibung (PDF) und auch ganz kurz und knapp in diesem Flyer (PDF).

Dem Lichtwolf gefällt das!


Links der Woche am 09.05.2015, 13:23 Uhr

Links der Woche, rechts der Welt KW 19/15

Schneller, höher, weiter

Jan Heinemann unterhält sich auf dem Blog Zeit.Räume mit dem Soziologen Hartmut Rosa über Identität, Zeit- und Raumwahrnehmung in der von ihm diagnostizierten Beschleunigungskrise - und wie diese mit der ökologischen Krise zusammenhängt. (21.04.15)

Mit Hegel gegen den Kapitalismus

Der Standard spricht mit Slavoj Žižek über die nötige Rückkehr von Marx zu Hegel, da dessen pessimistische Sicht auf die Zukunft viel besser in unsere krisenhafte Moderne passt als der Fortschrittsoptimismus Marxens. Revolution ist jedenfalls nicht in Sicht. Ansonsten lobt Žižek frohgemut und schamlos den Deutschen Idealismus und einen eurozentrischen Philosophiebegriff. (03.05.15)

Subtraktion, Blockade, Widerstand

Das Unsichtbare Komitee ist mit seinem Resümee über den kommenden Aufstand zurück in den Medien, diese Woche in einem ZEIT-Interview, das sehr schön daher kommt: Denn die Fragen wurden konsequent allein mit Zitaten aus der Revoltegeschichte beantwortet. (08.05.15)

„Was kann man damit werden?“

Die ZEIT begleitet die 17-jährige Schülerin Gesine Hagmeister bei ihrem Probestudium der „vollen geisteswissenschaftlichen Dröhnung“ an der Uni Bielefeld. Dokumentiert werden die Einstiegstipps ins philosophische Studentenleben, die der Tutor aus der Philosophie-Fachschaft so auf Lager hat. (06.05.15)

Wer ist Charlie?

Die SZ berichtet über die französischen Nachwehen der Pariser Anschläge vom Januar 2015. So streitet sich die Republik u.a. darüber, ob Voltaire oder Rousseau das geeignete gedankliche Rüstzeug für den Weltbürgerkrieg liefert, und ob wirklich alle Solidaritätsbekundungen für Charlie Hebdo einen humanistischen Hintergrund haben. (06.05.15)

„mit Heidegger gegen Heidegger“

Per Leo berichtet für die FAZ von einer kritischen Tagung zu den „Schwarzen Heften“ Martin Heideggers an der Uni Siegen. Allerdings scheint das habermassche Motto „mit Heidegger gegen Heidegger“ im Streit der Kritiker_innen nicht ganz aufgegangen zu sein - oder in diesem Sinne gerade doch. (06.05.15)

Et cetera:

Falls Sie einen Einstieg in die laufende Debatte um Heideggers Schwarze Hefte brauchen, sei nochmals auf die ausführliche Nachlese bei Glanz & Elend verwiesen: Teil 1 und Teil 2; kurz zusammengefasst in Lichtwolf Nr. 46. +++ Ebenda bei Glanz & Elend bespricht Jürgen Nielsen-Sikora den Briefwechsel Theodor W. Adorno und Gershom Scholem 1939-1969, über dem stets der abwesende Freund Walter Benjamin schwebt. +++ Die taz unterhält sich mit der Kulturwissenschaftlerin Karin Harrasser über den philosophischen Kern von Science Fiction. +++ Georg Seeßlen macht sich in seinem Blog ausführliche Gedanken über Geld (als Zeit) verdienen, haben und ausgeben im Spiegel der modernen Arbeitswelt und der Rhetorik der Niedertracht; außerdem geht es um Ästhetik, namentlich um Lesbarkeit und Differenz in der Bildkunst.


Irgendwas mit Medien am 11.05.2015, 10:07 Uhr

Exklusiv und elektrisch: „Böhmische Meditationen“

„Traue keinem Gedanken, der dir im Sitzen gekommen ist“, riet Nietzsche und getreu diesem Motto hat sich Michael Helming zum Handelsreisenden in Gedankendingen gemausert.

Michael Helming: Böhmische Meditationen

Das neue E-Book ist für 99 Cent erhältlich, und zwar für Amazon Kindle, im offenen epub-Format

sowie direkt beim catware.net Verlag (gleichfalls als DRM-freies epub).

Nach seiner physisch-literarischen Bodensee-Umrundung „Sprech / Blasen / Laufen“, die exklusiv in der E-Book-Reihe Lichtwolf Short Circuits („große Essayreihen für kleines Geld“) erschienen ist, gibt es nun ebendort auch seine „Böhmischen Meditationen“ zum Herunterladen und Mitspazieren.

Michael Helmings Wanderung durch Königgrätz ist auch eine durch die Antiquariate und damit durch die Geistesgeschichte, die überall in der tschechischen Provinz ihre Spuren hinterlassen hat. Die Kanonen und Schlachtfelder rufen Überlegungen dazu auf, was Schopenhauers Wille mit der damaligen „Kriegsgeilheit“ (im Wortsinne) zu tun hat und was Fritz Mauthner zu Kriegsgöttern und Schlachtrufen herausgefunden hat. Mauthners Geburtshaus wird ebenso zum Anlass für Meditationen über Herkunft und Biographie von Wortgewaltigen wie das von Karl Kraus, der quasi um die Ecke geboren wurde. Mit dem Erblühen des Frühlings wird es Zeit, derer zu gedenken, die nicht wandern können: Pflanzen, allen voran der Linden, die das tschechische Nationalsymbol sind und in vielen Dörfern als Kneipe, Gerichts- und Rathaus zugleich dienten.

In dem E-Book „Böhmische Meditationen“ sind vier Lichtwolf-Essays versammelt - ungekürzt, mit einem Vorwort und zusätzlichen Photos versehen. Das E-Book ist für lumpige 99 Cent erhältlich, und zwar für Amazon Kindle, im offenen epub-Format sowie direkt beim catware.net Verlag (gleichfalls als DRM-freies epub).


Links der Woche am 16.05.2015, 14:06 Uhr

Links der Woche, rechts der Welt KW 20/15

Akademische Hybris: Von den soliden Altvorderen auf die Uni geschickt, kommt sich Janosch Siepen nun klüger als seine Eltern vor, wie er in der ZEIT gesteht. +++ Apropos Verwandtschaft: Die FAZ zeigt sich fasziniert von der Berliner Ausstellung „Kultur der Affen“, die mit Theorie und Kunst unser darwinistisches Selbstbild herausfordert. +++ Auch die NZZ beschäftigt sich näher mit der kartographischen Methodik von Emmanuel Todds Analyse der Franzosen, die im Januar bekannten, Charlie und also der Unterschicht überlegen zu sein. +++ Im Freitag reagiert Andrea Roedig auf die Sorgen des Literaturwissenschaftlers Manfred Schneider, die Geisteswissenschaften könnten durch den wachsenden Frauenanteil Schaden nehmen. +++ Der Spieltheoretiker Eyal Winter zeigt laut WELT in seinem neuen Buch, wie rational und effektiv sich das Gefühlswirrwarr von Liebe und Hass im Spiel des Lebens auswirkt. +++ Am 9. Mai ist der Begründer der Inkompetenzkompensationskompetenz Odo Marquard gestorben; der amtliche Nachruf kommt von Jürgen Kaube (FAZ), auch die NZZ lässt ihren Feu-Chef Martin Meyer auf Leben und Werk des Gießener Philosophen zurückblicken. +++ Unterwegs mit Michael Helming durch Königgrätz: Die Essayreihe ist auch eine Wanderung durch die Antiquariate und damit durch die Geistesgeschichte - und seit dieser Woche erhältlich als E-Book für 99 Cent.


Links der Woche am 23.05.2015, 14:34 Uhr

Links der Woche, rechts der Welt KW 21/15

Konjunkturen der Religion

Joachim Frank führt für die FR ein Interview mit dem Religionssoziologen Detlef Pollack. Der verbindet das wechselvolle Maß an Säkularisierung in verschiedenen Gesellschaften mit dem Grad der Politisierung von Religion wie etwa im Fall des Islam. Wenn sich der Wind dreht, retten Freizeit- und Serviceangebote eine Kirche aber auch nicht mehr. (19.05.15)

Albernheit statt Ordnung!

Stuart Jeffries schreibt im Freitag, wie der Schuldenanthropologe David Graeber über Formulare, Bürokratie und Behördenwillkür sein neues Buchthema entdeckte („Die Utopie der Regeln: Über Technologie, Dummheit und die heimlichen Freuden der Bürokratie“), nämlich die sich selbst erhaltende Sinnlosigkeit der menschenunwürdigen Arbeitswelt. (20.05.15)

Das Weniger nichtet.

Nichts ist schlecht, weniger als nichts ist besser. In seinem Blog überlegt Georg Seeßlen, was es im Kapitalismus mit der Redewendung von „weniger als nichts“ auf sich hat - zum Beispiel in Bezug auf Geld, Menschen oder TV-Programm, mit deren Ver-Nichtung Mehrwert geschaffen wird. (20.05.15)

Wer eine Macke hat

In der FAZ unterhält sich Melanie Mühl mit dem Psychiater Frank Urbaniok darüber, wann ein Tick pathologisch wird, wie sich Situations- und Persönlichkeitstäter unterscheiden und warum unsere Gesellschaft Wutbürger produziert. (21.05.2015)

Zum Stand der Diskussionskultur

Kommende Woche soll Peter Singer in Berlin einen Preis für seinen Beitrag zur „Tierleidminderung“ entgegennehmen. Eine Gruppe kursorischer Leser_innen hält ihn für einen Befürworter der nationalsozialistischen Euthanasiemorde und ruft dazu auf, Leuten wie ihm keine Öffentlichkeit zuzugestehen. Glücklicherweise gibt es auch schon eine Initiative gegen die Hexenjagd auf Singer. Neu ist das alles nicht, schon bei der letzten Ehrung Peter Singers gab es große Aufregung. Überhaupt war das keine gute Woche für die Streitkultur in Germany: Hamed Abdel-Samad musste sich dafür rechtfertigen, ernsthaft und gründlich darüber nachgedacht zu haben, die Vortragseinladung einer Burschenschaft anzunehmen. Eine freie Autorin, die im Westfalen-Blatt einem Leser eher davon abriet, seine beiden kleinen Töchter als Blumenmädchen auf eine Schwulenhochzeit zu schicken, wurde der Homophobie geziehen und von ihrem Arbeitgeber im Shitstorm geopfert, worüber Don Alphonso in seinem FAZ-Blog den Kopf schüttelt.


Links der Woche am 30.05.2015, 14:23 Uhr

Links der Woche, rechts der Welt KW 22/15

keine Freiheit jenseits des Marktes

Georg Seeßlen ist unzufrieden mit dem Begriff „Neoliberalismus“, mit der damit bezeichneten Sache ohnehin, aber um welche es sich dabei eigentlich handelt, war diese Woche Thema im Seeßlen-Blog. Das Präfix Neo- zeigt ähnlich wie das Post- etwas an, das sich zu einem Teil überlebt, zu einem anderen übersteigert hat - und das hat durchaus etwas Religiöses. (25.05.15)

Andere Neuronen, andere Sitten

Mensch lernt in jungen Jahren von seiner jeweiligen kulturellen Umwelt, was sich gehört und was nicht. Aber gibt es auch angeborene, kulturell unabhängige Normen? Dem geht Steve Ayan in der ZEIT nach, indem er erstmal wie inzwischen üblich Leute in Magnetröhren steckt, und sodann den Anteil des Gefühls (allen voran des Ekels) am Gewissen und damit an der Ethik bemisst. (26.05.15)

Das Ich als Balkan-Landschaft

Die FAZ bringt den gekürzten Vortrag, den Klaus Theweleit auf der Jahrestagung der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft in Berlin gehalten hat. Darin beschreibt er, warum das Ich nie eine Einheit sondern eine Erfindung des europäischen Romans ist, was das mit seiner Figur des „Nicht-zu-Ende-Geborenen“ zu tun hat und warum das segmentierte Ich zur segmentierten Gesellschaft passt. (26.05.15)

Eklat um Peter Singer

Letzte Woche ging es bereits um das Ungemach, das sich rund um eine geplante Preisverleihung an Peter Singer entspann. Diese Woche fand die phil.Cologne mal wieder ohne Lichtwolf statt - aber auch ohne Peter Singer. Der wurde nämlich wieder ausgeladen, wie SZ und FAZ berichten, denn er habe im Interview mit der NZZ (wahrlich nicht neue) „Standpunkte geäußert, die im Widerspruch zu dem humanistisch-emanzipatorischen Selbstverständnis stehen, das die phil.COLOGNE leitet.“

Wolfram Eilenberger, der sowohl das Programm der phil.Cologne als auch das Philosophie Magazin verantwortet (aktuell mit dem Titelthema „Bin ich, was ich esse?“; lol), betrachtet die Einladung des Bioethikers nach Köln a posteriori „als Fehler“ und gab zu Protokoll: „Der deutsche kulturelle Raum ist ein anderer als der, in dem Singer sich bewegt.“ In nämlichem scheint auch die sachorientierte Diskussion noch möglich zu sein, weshalb der Ausgeladene durchaus zu Recht fragen darf: „Wie können sie sich als Philosophie-Festival bezeichnen, wenn sie zu ängstlich sind, Fragen zu diskutieren, die einige Menschen stören?“

Michael Schmidt-Salomon von der Giordano Bruno Stiftung hat ebenfalls in Reaktion auf das lesenswerte NZZ-Gespräch sogar seine Laudatio auf Singer abgesagt.

Et cetera:

Michael Girke bespricht im Freitag Klaus Theweleits Psychogramm des lachenden Massenmörders. +++ Jan Drees beschäftigt sich im Freitag mit Literaturkritik im Internet jenseits des Feuilletons - vorbildlich mit vielen Links versehen, allerdings ohne einen zu Glanz & Elend, wo genau das schon seit Jahren betrieben wird. +++ Eduard Kaeser denkt in der NZZ über die verschwimmende Grenze zwischen Laien und Experten nach; dazu gibt es übrigens eine eigene Lichtwolf-Ausgabe! +++ Bei Telepolis beobachtet Christian Meier, wie wir in die Welt der Science Fiction hineinwachsen, und rät dazu, Computer und Roboter vernünftig ins Mitsein aufzunehmen. +++ Die NZZ bespricht den neuen Essay des Politikphilosophen Jean-Claude Michéa, der die auf Recht und Ökonomie gestützte liberale Gesellschaft als das „Reich des kleineren Übels“ beschreibt. +++ Von Donnerstag bis Sonntag findet in Mainz die 23. Minipressen-Messe statt - den Lichtwolf finden Sie an Stand Nummer E07 in der Rheingoldhalle.



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