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lichtwolf.de / Monatsbuch / Februar 2016

Monatsbuch

Februar 2016

Links der Woche am 06.02.2016, 14:38 Uhr

Links der Woche, rechts der Welt KW 06/16

Männer können alles sein

Kluge Frauen betonen es seit Jahrzehnten, ihre Gegner wollen es nicht kapieren: Feminismus ist nicht männerfeindlich. Selma Mahlknecht zeigt bei Telepolis, dass vor allem Männer eine männerfeindliche Atmosphäre schaffen und von der Gleichberechtigung nur profitieren können, wenn sie denn schon keine ethische Einsicht in ihre Notwendigkeit haben wollen. (30.01.16)

Kooperation statt Konkurrenz

Die ZEIT führt ein langes Interview mit Martin Nowak, der - für einen Evolutionsbiologen eher ungewöhnlich - gläubiger Katholik ist, und natürlich erstmal erklären muss, wie das zusammenpasst, worüber er auch manchen Vortrag hält. Für die Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft spreche etwa die Mathematik. (04.02.16)

Dada wird 100

Diese Woche jährte sich Hugo Balls Einladung ins Cabaret Voltaire zum 100. Mal und Christian Schröder lässt im Tagesspiegel ein Jahrhundert Dada Revue passieren: Von den Zürcher Anfängen der Erz-Avantgarde im WK I bis zu den baldigen Niedergängen und Wiedergeburten. (05.02.16)

Piraten in Gerichten

2015 war für deutsche Verlage ein „annus horribilis“, schreibt der Slawist Urs Heftrich in der FAZ, und begründet das mit zwei Gerichtsurteilen, die Bibliotheken das digitale Bereitstellen von eingescannten Büchern erlauben und Verlage von VG-Wort-Tantiemen ausschließen sollen. Den Todesstoß fürs deutsche Verlagswesen sieht Heftrich in staatlich forcierten Open-Access-Publikationen. (05.02.16)

There's something in the Air

Georg Seeßlen beschäftigt sich im Freitag mit der erfundenen Geschichte von einem Syrer, der in der Warteschlange vorm Berliner Lageso verstorben sein soll, und damit, warum der Fake so „erfolgreich“ war. Die Hyperinformationsgesellschaft hat keine Vielfalt, sondern neuen Mainstream hervorgebracht, und verhält sich darin ähnlich hysterisch-irrational wie der spekulative Finanzmarkt. (05.02.16)

Ab in den Orkus!

Da simma dabei: Ulf von Rauchhaupt beschreibt in der FAZ ausführlich, was beim Sturz in ein schwarzes Loch vor sich geht. Dazu führt er zunächst in die faszinierende Wissenschaftsgeschichte dieser astronomischen Objekte ein, ehe es um die verschiedenen Möglichkeiten geht, unter einem krassen Sternenhimmel von einer solchen Raumzeitverzerrung in auf Nimmerwiedersehen verschwindende Stücke gerissen zu werden. (06.02.16)

Schamloser Hass

Im Netz spricht der Hass und bringt eine neue deutsche Hasskultur hervor, wie Hans-Jürgen Krug bei Telepolis rekapituliert, während (und wie) PEGIDA gerade europaweit demonstriert. In der FAZ unterhält sich Andrea Diener mit der Sozialpsychologin Catarina Katzer darüber, warum es so verführerisch ist, im Netz z.B. die Fascho-Sau rauszulassen (und warum das Internet uns durcheinander und Beziehungen oberflächlich macht). In der SZ schließlich setzt sich Till Briegleb aus aktuellem Anlass mit dem Gefühl der Scham auseinander - und welche Rolle Moralvorstellungen, Privatsphäre und „Gefühlspolitik“ dabei spielen.

Außerdemos von Sonstnochos:

Fnord-Report in groß: Auf dem Wiki psiram.com kann man sich über Esoterik, Verschwörungstheorien und den ganzen anderen Quark informieren und staunen, was es außerhalb der Psychiatrie so alles gibt. +++ Guy Debord hat nicht nur übers Spektakel geschrieben, sondern war auch Praktiker: Das Österreichische Filmmuseum zeigt, wie der Standard meldet, die Filme Debords. +++ Mal ein paar Bilderbücher? Der Tagesspiegel verweist auf Kirsten Boies deutsch-arabisches Bilderbuch über die Flucht einer syrischen Familie; die NZZ stellt Kathrin Schärers traurig-schönes Bilderbuch über den Tod, den Fuchs und einen Apfelbaum vor. +++ Die NZZ bespricht auch Lambert Wiesings philosophische Abhandlung über Luxus als ästhetischen Widerstand gegen die Zweckrationalität - sowie Axel Honneths Sozialismusrehabilitation, die von einem links-liberalen Freiheitsbegriff getragen werde. +++ Der Buchautor Patrick Spät bekennt sich bei den Krautreportern mit Link dazu, die Links der Woche zu lesen. Das ist sehr nett!


Links der Woche am 13.02.2016, 14:20 Uhr

Links der Woche, rechts der Welt KW 07/16

Banalität des Guten

Das Fremde verweist auf die Möglichkeiten, die das Eigene einst hatte, und wird darum gehasst, so in etwa die These des an Horkheimer, Adornos und Arendt geschulten Eike Geisel, der der „Wiedergutwerdung der Deutschen“ zeitlebens misstraute. Für die taz bespricht Ulrich Gutmair einen posthumen Sammelband mit Essays und Polemiken. (10.02.16)

Das Sein neoreligiös denken

Für The European unterhält sich Stefan Groß mit „einem der bekanntesten deutschen Philosophen, [Prof. Dr. mult.] Robert Spaeman[n]“. Es geht um philosophische Ein- und Verstellungen der Zugänge zu Gott und Sein, Gefahren und Chancen der Postmoderne, die Unmöglichkeit relativer Moral sowie um Auschwitz und Spaemanns „letzten Gottesbeweis“. (12.02.16)

E-Books als Simulation des Lesens

In der NZZ schreibt der Wissenschaftstheoretiker Michael Hagner über die rein digitale Bibliothek, wie man sie an der ETH Zürich erwägt, als unwahrscheinliche Dystopie. Dem gedruckten Buch ist nicht beizukommen, auch wenn Digitalisierung und Sparzwang den Bibliotheken das Leben weiter schwer machen werden. (12.02.16)

Analysen zur schlechten Stimmung

Mit Europa, der Demokratie und dem großen Tumult seit Silvester befasst sich Wolfram Schütte ausführlich bei Glanz & Elend. Auch Georg Seeßlen macht sich in seinem Blog Gedanken, wie die Zivilgesellschaft ihren Jammer über das Erstarken der Neurechten allüberall für einen humanen Gegenentwurf nutzen könnte. Der Krisen- und Katastrophenessayist Wolfgang Sofsky denkt in der NZZ darüber nach, was so alles erschüttert wird, wenn - wie jetzt gerade - die Dinge lärmend in Bewegung geraten, und um wie viel mehr sich die Menschen dann an Hoffnungen und Versprechen klammern. Daraus resultiert das hysterische Geschrei, mit dem sich die Schriftstellerin Sabine Bergk in der ZEIT beschäftigt: Hierzulande wird gebrüllt oder geschwiegen. Warum es auch zwischen Apokalypse oder Triumph nichts zu geben scheint, ist Dirk Pilz’ Thema in der FR. Eine Antwort findet er in diversen Büchern über christliche Gewaltlegitimation, deren Motive sich im Flüchtlingsdiskurs und bei George W. Bush genauso wie bei der RAF wiederfinden.

Unn sünst?

Letzte Woche besprochen, diese Woche widersprochen: Robert Nef kann die eher positive Rezension von Axel Honneths Sozialismusbuch in der NZZ so nicht stehenlassen, weil es die behauptete soziale Freiheit nicht geben kann. +++ Die NZZ bespricht auch Wolfgang Wills Doppelportrait von Herodot und Thukydides, die das abendländische Verständnis von Geschichte und Geschichten begründeten. +++ Außerdem würdigt die NZZ die in ihrem 10. Jahrgang stehende Zeitschrift für Ideengeschichte - harte Konkurrenz für unser kleines Weltmagazin? +++ Der Irrationalismus greift ja gerade wieder mächtig um sich. Die WELT berichtet von Popmusikern, die öffentlich den Satz des Pythagoras und die Kugelgestalt der Erde ablehnen. +++ Dada wird nach wie vor 100, darum hat die NZZ eine ganze Reihe von Texten zur Würdigung von Ball, Hennings, Schwitters et.al. zusammengestellt; im Deutschlandfunk kommt heute Abend ab 23:05 Uhr die Lange Nacht über Dada.


Links der Woche am 20.02.2016, 16:46 Uhr

Links der Woche, rechts der Welt KW 08/16

Hannah Arendt über Sokrates

Im Freitag würdigt Jürgen Busche Hannah Arendts Vorlesung über Sokrates als Buch der Stunde. Darin geht es um die Verachtung der Sophisterei, das Lob des Meinungspluralismus und warum das Denken nicht im Relativismus endet, sondern erst anfängt - und als Philosophie keine Realisierung braucht, um zu wirken. (17.02.16)

Peterchens Mondfahrt

Peter Sloterdijk schreibt in der NZZ einen langen Essay über den „dramatischen Zuwachs“ an Möglichkeiten, die die Technik uns eröffnet. Im Falle der Raumfahrt hat das jedoch eine neue Qualität: Raumstationen als ontologische Implantate im Nichts bringen ein In-der-Welt-Sein und eine Zwei-Wege-Transzendenz neuer Art hervor. (20.02.16)

„Stunde der politischen Terribles Simplificateurs“

Der Psychologe Carlo Strenger appelliert in der NZZ an die Citoyens, in den einander durchdringenden Krisen mutig und vernünftig zu bleiben, also nicht auf Polarisierungen, Populismen und vermeintlich einfache Lösungen hereinzufallen. Stattdessen sollten sie ihre Werte ohne falsche Scheu verteidigen und sich in etwas üben, was Strenger „zivilisierte Verachtung“ nennt. (20.02.16)

Camus reloaded

Kamel Daoud hat Albert Camus’ Romandebut neu verfasst, und zwar aus der Perspektive des Bruders des Arabers, der von Meursault erschossen wird. Für die FAZ unterhält sich Annabelle Hirsch mit Daoud über aktuelle Konflikte zwischen der arabischen und der westlichen Welt. Tobias Lehmkuhl zeigt sich in der SZ ziemlich enttäuscht von dem Roman, dessen Autor die Originalvorlage wohl nicht recht verstanden hat.

Neue deutsche Lautstärke

In der taz schlägt Tilman Baumgärtel nach, was sich vom Soziologen Gustave Le Bon lernen lässt über massenhafte Schreihälse on- wie offline; übrigens auch eines der Themen im nächsten Lichtwolf zum Oberthema „Schloch“. Für die ZEIT beschäftigt sich Volker Weiß mit dem öffentlichen Intellektuellen und streitbaren Soziologen Armin Nassehi, der sich jüngst in einem Briefwechsel mit dem Neurechten Götz Kubitschek auseinandersetzte. In der ZEIT schreibt Marion Detjen über ehrgeizige, junge Flüchtlinge, die über die hiesigen völkischen Diskurse den Glauben an Europa verlieren und sich zum Schaden des Kontinents lieber weiter gen Übersee aufmachen. Noch eine Drehung weiter machen Ulrike Guérot und Robert Menasse: In Le monde diplomatique schreiben sie über die Utopie eines wahrlich grenzenlosen Europas, in dem Platz für Städte wie Neu-Kundus oder Damaskus am Neckar ist.

Et cetera:

Das beste Wimmelbild der Welt: In einer „interactive documentary“ kann man sich den Garten der Gelüste von Hieronymus Bosch bis ins Detail begucken - und erklären lassen. +++ Im FAZ-Lesesaal beugt man sich gerade gemeinsam über Melvilles „Bartleby, der Schreiber“, und zwar übers gesamte (gemeinfreie) Buch. +++ Seit den 60ern ist alles irgendwie komplex. Die FAZ bespricht das Buch der Zeithistorikerin Ariane Leendertz über die semantische Karriere des Begriffs. +++ Der Freitag stellt drei Neuerscheinungen über Philologie und Philosophie in Afrika vor.


Links der Woche am 27.02.2016, 12:02 Uhr

Links der Woche, rechts der Welt KW 09/16

Alleinsein und Einsamkeit

Konrad Lehmann befasst sich bei Telepolis mit diesen zwei ganz und gar nicht synonymen Zuständen bzw. Gefühlen. Londoner Neurobiologen haben gerade entdeckt, was Isolation mit dem Gehirn macht, woraus Lehmann folgert, dass Einsamkeit nun auch zu den anthropologischen Grundemotionen gezählt werden müsste. (23.02.16)

Das automatische Subjekt

Adrian Lobe hat für die FAZ einen Artikel des Rechtswissenschaftlers Brett Frischmann und des Philosophen Evan Selinger gelesen, die für eine Anpassung des Turing-Tests plädieren, da einiges darauf hinweist, dass Menschen in ihrer digital geprägten Umwelt immer maschinenähnlicher werden. (27.02.16)

Außerdemchen:

Die FR bespricht das neue Buch des Occupy-Vordenkers David Graeber, worin dieser Webers Lob der Bürokratie zurückweist, um auch hinter ihr den Neoliberalismus am Werk zu sehen. +++ Letzte Woche wurde es ringsum besprochen, nun liegt Kamel Daouds Buch „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ im FAZ-Lesesaal zur gemeinsamen Lektüre aus. +++ Telepolis stellt eine Studie über das Handlungs-Bewusstsein vor - über die neuronalen Grundlagen böser Taten auf Befehl. +++ Die FAZ berichtet von einem Auftritt des Informatikers David Gelernter in Berlin, wo er über den Wandel von Rationalität und Weltbezug durch die Digitalisierung sprach.



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